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Verlag der
Häretischen Blätter
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[Neu im Mai '03]

[Heft 1 bis 3]

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[Edition Die Schnecke]

Miszellen

»Das Ganze ist das Unwahre« – wenn Adorno damit recht hatte, kann das Wahre nur in den Teilen liegen, und Erkenntnis nur in der Hinwendung zu ihnen erlangt werden. Jede Ideologie und Religion verkündet die Wahrheit irgendeines »Ganzen«, »Einen«, »Einzigen«. Die menschliche Inkarnation dieser gigantischen Verblendung ist der »Führer«. Die Hinwendung zu einem Führer ist Ausdruck von Schwäche – der Schwäche, sich nicht der Vielgestaltigkeit und Zerrissenheit der eigenen Seele zuwenden zu können, und der der anderen Seelen, und der der Verhältnisse zwischen ihnen, und der ihrer Beziehungen zur göttlichen Vielfältigkeit. Diese Verhältnisse und Beziehungen sind vermischt, lat. miscellaneus, unbekanntes Land, Terra incognita – bleibt also etwas anderes übrig als Pionier zu werden und Pfade zu schlagen und Landkarten zu erstellen? Peter Hille: »Der Schüler der Mystik ist ein Afrikareisender der Seele: er betritt einen Urwald, der ihn erst nach Jahren als Geförderten entläßt.« »Generalstab der Menschlichkeit, wir bitten um Karten, Atlanten der Liebe, sie sind das größte Bedürfnis für weitere Operationen.«

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»Und sie versammelten sich gegen Mose und Aaron und sprachen zu ihnen: Ihr geht zu weit! Denn die ganze Gemeinde, sie alle sind heilig, und der Herr ist unter ihnen. Warum erhebt ihr euch über die Gemeinde des Herrn? Wir kommen nicht! Ist’s nicht genug, daß du uns aus dem Lande geführt hast, darin Milch und Honig fließen, und uns tötest in der Wüste? Mußt du auch noch über uns herrschen?«
– Korah, der Erzvater der Häresie, stellte rhetorische Fragen, die ihre Antworten bereits in sich trugen und von den Inquisitoren daher nicht beantwortet werden konnten außer mit Mord: »Und Feuer fuhr aus von dem Herrn und fraß die zweihundertundfünfzig Männer, die das Räucherwerk opferten. Und Eleasar, der Priester, nahm die kupfernen Pfannen, die die Verbrannten herangebracht hatten, und schlug sie zu Blechen, um den Altar zu überziehen; als Mahnzeichen für die Israeliten, daß kein Fremder, der nicht vom Geschlecht Aarons ist, sich nahe, um Räucherwerk zu opfern vor dem Herrn, damit es ihm nicht gehe wie Korah und seiner Rotte.« Die raserische Vergeltung der Inquisitoren verrät bereits die ganze, letztendliche Vergeblichkeit ihrer totschlagenden Antwort: Korah kehrt immer wieder, überall und in tausend Gestalten, und sein Kupfer ist längst Bestandteil aller Altäre aller Religionen.

»So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!«
– Was ist Gottes? Alles natürlich. Was also bleibt für den Kaiser? Nichts.

»Ist es denn so, daß euch zukommt das männliche, und Ihm das weibliche? Das wäre eine ungerechte Teilung!«
– Fürwahr, denn beide Geschlechter kommen Ihm zu, Der daher auch Sie ist, und wenn es Ihr gefällt, Zwei zu sein, und eine Dritte dazu, und Ihm, Viele zu sein, und Verschiedene, so gab euch Gott nicht die Vollmacht, nur eure eigene Meinung zuzulassen und nur das, wonach euch gelüstet.

»An die Stelle der einen absoluten Welterklärung und der qualvollen vergeblichen Versuche, ihrer habhaft zu werden, treten Bilder der Welt, deren verschiedene ergänzend nebeneinander herlaufen können, Bilder, von denen wir wissen, daß sie nicht die Welt ‚an sich‘, sondern die Welt für uns sind: eine Annäherung an das Jenseits unseres Ichs.« – Gustav Landauer

Religion? »Die Religion stört Gott; stört ihn, so lange sie nicht Kunstwerk, höchstes Menschensein geworden ist.« – Peter Hille

Wissenschaft? Die Physik glaubt, Gott in die Karten geschaut zu haben und dabei festgestellt zu haben, daß es keinen Spieler gibt. Gen- und Hirnforschung haben den inneren Kosmos auf physiologische Vorgänge reduziert. Das spirituelle Bedürfnis darf großzügig – man ist ja Demokrat – als irrationale Emotion fortleben. Und um dieses kalte unbarmherzige götterlose Universum ertragen zu können, wird Freiheit der Kunst gewährt.

Politik? »Die Toten regieren uns. Ihr Leben und ihre Schicksale, ihre Gesetze, ihre Traditionen, ihre Worte lasten auf uns, vergiften uns und werfen uns nieder. Angst, die Herrscherin der Massen, beugt alle unter die abgetanen Befehle dieser Toten, stärkt ihre Macht und läßt alle individuellen Revolten unfruchtbar werden.« – Edgar Varèse

Esoterik? Auch hier die absolute Affirmation an die göttliche Ordnung des Marktes, das Nirwana des Konsums und das Bhakti der Ware – endlich, der Kapitalismus ist erleuchtet.

Zeit? Wie lächerlich! Wie ein kleiner spießiger Diktator bestimmt der Sekundenzeiger, was Vergangenheit sei und wieviel Zeit uns noch bleibe.
 

Sniadeckia
für Annegret

Die Schnecke ist ein sehr schönes Gegensymbol zu der Krankheit, die heute unter dem Namen »Geschwindigkeit« alle Politiker und Wirtschaftsbosse und auch die meisten Menschen befallen hat. Daß etwas »schnell geht«, wird unhinterfragt für gut gehalten. »Langsam« hingegen soll schlecht sein. Die Schnecke sagt, nicht mit Worten, allein durch ihre Existenz, »Nein« zu dem ganzen Wahnsinn des Immer-schneller, Immer-mehr, Immer-lauter. Sie ist, wie alle wahren Häretiker, langsam und klein und leise. Und sie ist völlig unaufdringlich: Schnecken brüllen keine Befehle, machen keine Werbung und erlassen keine Gesetze. Sie tragen ihr Haus mit sich herum, verschießen Liebespfeile und halten sich bei der Paarung nicht an geschlechtliche Rollen. Man sollte ihnen Tempel errichten – natürlich in Schneckenhausform –, und die Menschen treten auf spiraligen Pfaden ein in den Tempel, und im Allerheiligsten hören sie die göttliche Botschaft der Langsamkeit, des Winzigen, des Stillen. Die Ungläubigen aber rasen in ihren keifenden und spuckenden Karren um die Tempel herum und verstehen ihre Botschaft nicht. Bis eines Tages die Unendliche Langsamkeit, die Absolute Winzigkeit und die Überwältigende Stille sie einholt: der Tod. Im nächsten Leben machen sie es dann hoffentlich besser, d.h. langsamer.


Wird fortgesetzt. – Copyright siehe Gedichte.

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